Das ganze Land redet über Digitalisierung, Gesetze werden erarbeitet und gleich wieder blockiert und ein großer Teil der Unternehmen hat bereits damit begonnen, Elemente von New Work umzusetzen. In der Zwischenzeit werden Schulen aber von der Digitalisierung ausgeschlossen und Schüler bekommen überwiegend keine Vorbereitung auf die digitale Arbeitswelt. Und das obwohl die Schule eigentlich auf das Leben vorbereiten sollte. Vor allem fehlt vielen Schülern mit Erhalt des Schulabschlusses die Medienkompetenz, also die Fähigkeit, mit digitalen Medien umzugehen. Dieses Problem hat der ehrenamtliche Verein „Learning out laut“ – kurz „LOL“ erkannt. Im Interview verrät uns Ulf-Jost Kossol, Mitbegründer des Vereins und Head of People Experience bei der T-Systems Multimedia Solutions (MMS), was die Hintergründe der Initiative waren und wie der Verein Digitalisierung und New Work mehr in den Fokus von jungen Menschen rücken will.

Hallo Ulf. Was steckt eigentlich hinter dem Namen „Learning out laut“?

Ulf: „Learning out laut“ ist angelehnt an die Bezeichnung „Working out loud“. Das ist ein Konzept für neue Zusammenarbeitsformen in Unternehmen. Ziel ist es, Wissens-Silos abzuschaffen, indem Kollegen sich gegenseitig unterstützen und Erfahrungen untereinander teilen. Und genau das gilt für LOL auch, nur eben speziell in Schulen und nicht Unternehmen. Die Idee hinter dem Begriff ist außerdem, digitale Bildung an Schulen zu bringen. Da hat es natürlich super gepasst, dass die Abkürzung „Lol“ aus der Jugendsprache stammt, die unsere Zielgruppe darstellt.

Das Ziel von Lol ist also, Schule neu zu denken und Aufklärung in Sachen Digitalisierung zu betreiben. Wie ist es dann zu der Initiative gekommen, einen Verein dafür zu gründen?

Ulf: Erste Gespräche zur Gründung des Vereins fanden schon vor zwei Jahren statt. Gemeinsam mit einigen anderen Kollegen aus der T-Systems MMS wollten wir ein Ehrenamt gründen, um der Gesellschaft etwas zurück zu geben. Da wir alle in einem Unternehmen arbeiten, dessen Kerngeschäft die Digitalisierung ist, fiel vor allem den Eltern unter uns immer wieder das Thema digitaler Reifegrad in Schulen auf. Immer wieder gab es in Pausen oder nach der Arbeit Diskussionen über unser Schulsystem. Schule muss neu gedacht werden, weil wir anders arbeiten (werden).60% der Jobs, die es heute gibt, werden so nicht mehr da sein, wenn unsere Kinder aus der Schule kommen. Wir bereiten heute Fünftklässler auf eine Arbeitswelt vor, die es zum Teil dann nicht mehr geben wird oder bereits noch gar nicht gibt. Daran wollten wir etwas ändern. Und das vor allem sehr schnell und nach dem Motto „Einfach machen“. Gestartet haben wir daher in enger Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Verein „Social Web macht Schule“. Vor einem halben Jahr haben wir dann LOL als eigenständigen Verein eintragen lassen.

Und wie wollt ihr euer Ziel erreichen? Was bietet euer Verein für junge Leute?

Ulf: Angefangen haben wir mit Ganztagsangeboten (GTA’s) in Grund- und Oberschulen, die nachmittags neben Kursen wie Handball, Töpfern oder dem klassischen Chor für Schüler freiwillig angeboten werden. In den GTA’s der Grundschulen haben wir den Kids die Basics der Digitalisierung erklärt. Also beispielsweise was ist Internet, was ist eine Software und wie gehört beides zusammen. Zusätzlich haben wir sie in die Nutzung von digitalen Medien eingeführt und somit erste Medienkompetenzen aufgebaut.
In den 8., 9. Und 10. Klassen der Oberschulen haben wir unseren Fokus ebenfalls auf die Förderung der Medienkompetenz gelegt, hier aber eher projektbezogen gearbeitet. Die Schüler sollten eine Schul-App konzeptionieren. Dafür haben wir ihnen gezeigt, was überhaupt ein Projekt ist, was sie dafür brauchen und wie Teamarbeit in einem Projekt funktioniert. Neben dem Thema der Digitalisierung ist uns aber auch sehr wichtig, den Schülern beizubringen, „anders“ zu lernen. Weg vom klassischen Frontalunterricht hin zu mehr Projekt-, Gruppen- und damit zu individuellerem Unterricht. Wir waren sehr erschrocken, als wir erfahren haben, dass sie sich noch nie gegenseitig Feedback gegeben haben. Unser GTA-Konzept ist daher darauf ausgerichtet, auf die einzelnen Stärken der Schüler zu fokussieren, verschiedene Methoden für Zusammenarbeit zu zeigen, sie für das Berufsleben vorzubereiten und Interesse für neue Berufe zu wecken.
Zusätzlich bieten wir „Zukunftswerkstätten“ an. Dabei handelt es sich um 4-stündige Workshops, die gemeinsam mit Schülern, Eltern und Lehrern durchgeführt werden. Wir gehen den Status quo der Digitalisierung an Schulen durch und besprechen, wie schrittweise Änderungen vorgenommen werden könnten.

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Wie wurde euer Angebot von Schulen angenommen? Hat sich das Thema Digitalisierung an Schulen durch die aktuelle Krise schneller vorangetrieben?

Ulf: Zunächst lief unser Angebot gut in den Schulen an. Aber durch die Corona-Krise und Social Distancing sind viele Vor-Ort-Projekte erstmal auf Eis gelegt worden. Aber genau das hat wieder einmal gezeigt, wie wichtig Digitalisierung an Schulen sein sollte. Als soziales Gefüge hat die Schule in den letzten Monaten ihre Aufgabe sehr verfehlt. Während sich die Schulen vor allem darum gekümmert haben, dass unsere Kinder mit ausreichend fachlichem Stoff versorgt sind, wurde nichts unternommen, um den sozialen Austausch unter den Klassenkameraden oder den Umgang mit einer zunehmenden Digitalisierung zu fördern. Während die Schulen damit argumentierten, dass beispielsweise ein wöchentlicher Austausch unter den Klassenkameraden nicht für alle Haushalte möglich ist und somit Kinder ausschließen würden, zeigt eine Umfrage, die wir in der Zeit initiiert haben, dass acht von neun Haushalten die Möglichkeit und den Wunsch gehabt hätten, an so einem Austausch teilzunehmen. Das zeigt, wie sehr Schulen beim Thema Digitalisierung hinterherhinken. Da wir als Verein keine grundlegenden Änderungen erreichen können, hoffe ich zumindest, dass die letzten Wochen ein Weckruf für Politik und Schulen waren, endlich etwas zu ändern. Wir werden weiterhin kostenfrei beraten damit sich die Kinder, die in ein paar Jahren in eine digitalisierte Arbeitswelt eintreten auch direkt einbringen können.

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