Interview mit Ursula Weber, Expertin für Usability, Barrierefreiheit und User Experience. 
Ursula Weber ist im Bereich Testing der T-Systems Multimedia Solutions tätig und überprüft Anwendungen auf ihre Barrierefreiheit – dabei ist sie selber blind. Ob Information, Kommunikation oder Mobilität: Blindheit und Sehbehinderungen bedeuten enorme Einschränkungen im Alltag. Im Interview spricht sie über Chancen und Hürden, die durch die Digitalisierung entstehen und gibt dabei einen persönlichen Einblick in ihr Leben.

Welche Hürden gab es in Deinem Leben vor der Digitalisierung?

Hürden entstehen natürlich vor allem da, wo es darum geht Informationen aufzunehmen. Das betrifft eigentlich alle Lebensbereiche: Ob Alltag, Bildung oder Beruf. Denn dadurch, dass mir ein Sinn fehlt, der gemeinhin sehr wichtig ist, ist vieles für mich schlichtweg nicht wahrnehmbar gewesen ohne die Hilfe anderer. Zum Beispiel während meines Informatikstudiums damals, musste mir jemand die Skripte oder den Tafelanschrieb vorlesen, damit ich es dann wieder für mich in Brailleschrift verschriftlichen oder vertonen konnte – zu meiner Studienzeit noch auf Kassette (lacht).

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Was hat die Digitalisierung für Dich erleichtert?

Heute sind im Gegensatz zu damals viele Informationen auch digital im Web vorhanden.
Um auf das Beispiel von eben zurückzukommen: Die Skripte werden mittlerweile online hochgeladen. Durch meine Hilfsmittelchen – der Braille-Tastatur und dem Screen Reader – werden die digitalen Inhalte dann auch für mich zugänglich – vorausgesetzt sie sind barrierefrei gestaltet. In meinem jetzigen Berufsleben macht für mich ein effizientes Arbeiten aus, dass ich die Tastaturbedienung der Anwendung benutzen kann und zusätzlich die Hilfen, die mir über meinen Screen Reader zur Verfügung stehen. Wichtig ist aber, dass die Anwendung überhaupt per Tastatur bedienbar ist. Wenn das nicht erfüllt ist, bin ich trotz Digitalisierung wieder auf Hilfe angewiesen. Im Alltag kommt mir natürlich auch zu Gute, dass ich bestimmte Dinge auch einfach online erledigen kann: Von Bankgeschäften bis zum Shopping. Als ich noch einen Führhund hatte, habe ich das Futter oft online bestellt. Das war für mich eine echte Erleichterung, denn ich kann den schweren Beutel ja nicht einfach ins Auto werfen und nach Hause fahren – so wurde es mir dann bequem nach Hause geliefert. Ich nutze diese Angebote also teilweise schon, aber ich muss dazu sagen, dass ich nicht alles machen muss, was geht, nur um mir zu beweisen, dass ich es kann. Ich wurde sehr selbstständig erzogen, doch wenn es einfach mehr Sinn macht, dass mein Mann bestimmte Sachen erledigt – weil es schneller geht oder er es einfach lieber macht – dann erledigt er es eben. Das ist eine Sache der Aufgabenteilung. Aber grundsätzlich erleichtert mir die Digitalisierung in jedem Fall den Alltag und ich kann dadurch vieles alleine machen, für das ich früher auf Unterstützung angewiesen war.

Gibt es auch Hürden, die dir seitdem noch begegnen?

Auf jeden Fall. Es gibt immer wieder digitale Inhalte, die noch nicht barrierefrei gestaltet sind – ob im Beruf oder privat. Insofern bleiben die wunderbaren Möglichkeiten, die die Digitalisierung in dieser Hinsicht bietet, teilweise noch ungenutzt. Und so stoße ich nach wie vor noch auf unzulängliche Webseiten. Beispielsweise kann ich mir nicht so einfach Verbindungen der öffentlichen Verkehrsbetriebe raussuchen. Oder manchmal kann ich nicht erkennen, was ich jetzt beim Onlineshopping überhaupt in meinem Warenkorb habe. Und ich würde ja schon gerne wissen, was ich bestelle (lacht). Wenn solche Barrieren auftauchen muss ich das entweder akzeptieren und irgendwie umschiffen oder ich gehe eben auf eine andere Webseite – das ist ja auch das Schöne am Internet: Da kann ich mit einem Klick andere Angebote wahrnehmen. Deswegen ist es für Unternehmen wichtig, dass sie ihre Software durch unabhängige Prüfstellen auf Barrierefreiheit testen, um eventuelle Schwachstellen aufzudecken und zu beheben.

Wie bist du zu Deinem jetzigen Beruf gekommen?

Das war eher unkonventionell. Ich habe ja Informatik studiert und war an der Universität in einem Projekt beschäftigt, dessen Laufbahn sich aber dem Ende neigte. Und in dieser Umgebung ist die T-Systems Multimedia Solutions ja sehr bekannt. Daher wusste ich, dass das Thema barrierefreie IT hier eine große Rolle spielt. Also habe ich mich einfach initiativ beworben. Nach ein paar Monaten wurde ich dann tatsächlich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Ab da an ging alles relativ schnell und zwei Wochen später habe ich dann auch schon angefangen. Aber das ist eben auch meine Art: Ich probiere einfach und wenn es nicht funktioniert, suche ich eine andere Lösung. Diese positive Grundhaltung habe ich schon von meinem Elternhaus mitbekommen. Statt mir alles abzunehmen, durfte ich mich ausprobieren und einfach machen – auch auf Bäume klettern. Dafür bin ich ihnen auch sehr dankbar, denn dadurch bin ich glücklicherweise sehr selbstständig geworden. Aber ich muss schon sagen, dass ich mit diesem Job auch wirklich Glück hatte, denn der Arbeitsmarkt für behinderte Menschen ist sehr begrenzt – daher ist die Arbeitslosigkeit auch bei sehbehinderten oder blinden Akademikern hoch.

 

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Woran liegt das Deiner Meinung nach?

Ich glaube das Problem liegt darin, dass viele die Hilfstechniken – wie die Brailletastatur – einfach nicht kennen. Ich höre oft: „Wie? Du arbeitest am PC? Wie geht denn das?“. Besonders lustig ist es beispielsweise, wenn ich eine Zugfahrt zum Arbeiten nutze. Dafür habe ich dann eine kleine Brailletastatur – die gibt es also auch in mobilem Format. Manche trauen sich dann mich anzusprechen und sind ganz fasziniert davon. Daran sieht man, dass es schlichtweg am fehlenden Wissen liegt. Das ist ja auch ganz klar, wenn man vorher noch nie damit in Berührung gekommen ist. Aber genau deswegen ist die Sensibilisierung für dieses Thema so wichtig.

Wenn Du Anwendungen auf ihre Barrierefreiheit testest: Wie gehst Du dann dabei vor?

Wenn ich z.B. eine Webseite teste, arbeite ich diese auf verschiedene Weisen ab. Zunächst gehe ich sie mit den Pfeiltasten durch und überprüfe per Tab, ob auch alle interaktiven Elemente erreicht werden. Das Problem dabei ist natürlich, dass ich es ja gar nicht mitbekomme, wenn ein Interaktionselement nicht erreicht wird und somit keine Chance habe es zu finden. Andersrum kann es mir aber auch passieren, dass Sachen ausgegeben werden, die visuell gar nicht sichtbar sind. Das liegt daran, dass diese im Code stehen, die mein Screen Reader eben liest, für den sehenden Nutzer aber nicht existieren. Deswegen kann ich Anwendungen auch nie alleine testen. Es gibt eben ganz viele Dinge, die ich sehe – die aber nicht sichtbar sein sollen – und die ich nicht sehe, obwohl sie da sein sollten. Dass ich teste, dient also vor allem der Verbesserung des Testprozesses. Dabei spielt natürlich auch meine Erfahrung eine Rolle, da ich die Anforderungen nicht nur kenne, sondern damit lebe. Das ist dann natürlich deutlich authentischer.

Wo siehst Du bei der Barrierefreiheit Verbesserungspotenzial?

Dienstleistungen und Produkte sollten von vorne rein mit dem Gedanken „Design for all“ gestaltet werden. Hier empfiehlt es sich, bei der Planung unabhängige Profis für Barrierefreiheit und Ergonomie einzusetzen, die einen dabei unterstützen. Denn, wenn man das richtig durchdenkt, ist auch Barrierefreiheit und Usability mit drin. Am besten sollte das von Anfang an in die Entwicklung mit einbezogen werden, um eine Verbesserung zu erzielen. Aber in diesem Punkt müssen noch deutlichere Anstrengungen kommen. Wir werden auch immer mehr zu einer Wissensgesellschaft und dazu gehört Bildung. Deswegen müssen vor allem Bildungsangebote barrierefrei sein. Doch da hapert es noch extrem. Insbesondere bei den betrieblichen Weiterbildungen. Da muss ich noch oft zusehen, wie ich eine Prüfung überhaupt ablegen kann. Liest mir jemand die Fragen vor? Werde ich mündlich geprüft oder kriege ich die Fragen digital bzw. in Brailleschrift? Und das ist teilweise echt zermürbend. Es besteht aber keinerlei gesetzliche Verpflichtung, sodass die privaten Bildungseinrichtungen das in diesem Punkt machen können, wie sie wollen – die Bedingungen muss ich dann eben akzeptieren. Hier fehlt die Sensibilisierung, da viele die spezifischen Bedürfnisse einfach nicht kennen. Hinzu kommt, dass diese – je nach Behinderung – ja auch ganz unterschiedlich sind und sich teilweise auch widersprechen. Deswegen ist es wirklich sehr schwierig alles inklusiv zu gestalten. Das Ziel ist natürlich gut und sollte auch verfolgt werden, aber nicht um jeden Preis. Wichtig ist es, nicht die Augen davor zu verschließen, sondern das Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Hilfen die einzelnen Menschen mit besonderen Anforderungen benötigen – am besten durch eine professionelle Beratung.

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